Gallusmarkt 1925

Der jahrhunderte alte Grünberger Gallusmarkt ist von einer Eigenart, die in gleicher Ausprägung nicht zum zweiten Mal gefunden wird. Siegreich überdauert er den Wandel der Zeiten, bald mehr, bald weniger umfangreich, ein getreues Spiegelbild der Wirtschaftslage, aber stets besucht von unzähligen Fremden, die aus der nahen und fernen Umgebung herbeiströmen, und von den alten Grünbergern draußen, die gerne den Gallusmarkt zum Besuche ihrer Vaterstadt ausnützen.

Auch gestern wieder füllten Tausende die Stadt und die Käswiese mit drängendem Leben. Man kann die Zahl der Marktbesucher ungefähr abschätzen, wenn man berücksichtigt, daß allein die Staatsbahn von rund 3200 Personen zur Rückfahrt benutzt wurde.

Der Viehmarkt war durch die in vielen Dörfern herrschenden Seuchen stark beeinträchtigt. Rinder durften nicht aufgetrieben werden. So fand nur Ferkelmarkt statt, der mit 366 Tieren beschickt war, die zur Deckung des Bedarfs nicht ausreichten. Bei lebhaftem Handel wurde der Markt sehr rasch geräumt. Bezahlt wurden für 6-7 Wochen alte Tiere 32-40 Mark. Für 8-10 Wochen alte 40-55 Mark. Gegen Schluß zogen die Preise an.

Der Krämermarkt verzeichnete mit 186 Ständen eine kleine Zunahme gegen die Vorjahre. Die Umsätze waren meistens befriedigend, vereinzelt auch schlecht oder gut. Die Geschäfte in der Stadt haben im allgemeinen gut abgeschnitten.

Der Mrkt auf der Käswiese dehnte sich von den Äckern am Querweg zwischen Gießener Straße und Licher Eisenbahn zum ersten Mal seit langer Zeit bis zur Bezirkssparkasse. Ein großer Vergnügungspark war zusammengekommen. Unter vier Karussells hatte man die Auswahl. Der größte "Betrieb" herrschte bei der Berg- und Talbahn und bei der Autobahn.

Dann kamen die gute alte Reitschule und das russische Karussell, dessen 10 Meter hohes Rad auf dem Gallusmarkt eine Neuheit darstellte. In zwei Zirkussen blühte die Kunst der Artistik; die Abnormalitätenschau mit dem Mann, der lebende Frösche, Mäuse und Taschenuhren fraß und wieder von sich gab, die "größte Riesenschlange der Welt" und der Kampf vorsintflutlicher Ungeheuer "5000 Jahre vor Christi Geburt" diente dem Sensationsbedürfnis. Zu bedauern waren die Taucher, die trotz des kühlen Wetters sich in die Flut stürzen mußten.

In der Mittagszeit schien zwar die Sonne, vor- und nachmittags fiel jedoch rieselnder Regen, der den bekannten Gallusmarktdreck erzeugte, in dem man sich stapfend und watend fortbewegen muß, um vorwärts zu kommen.

Der Marktpolizei sind vier Diebstähle gemeldet worden; drei davon sind wieder eine Art Strafe für den bekannten Leichtsinn, die gefüllte Brieftasche in den äußeren Rocktasche unterzubringen oder vorne aus dem Rock stehen zu lassen. Die beiden ersten Fälle mit 135 und 110 Mark erlebten zwei Landwirte aus einem Dorf der nächsten Umgebung auf dem Viehmarkt, der dritte passierte einem Grünberger Geschäftsmann bei seinem Stand auf dem Krämermarkt. Im vierten Fall erbeutete der Dieb statt des in einem Briefumschlag vermuteten Geldes nur wertlose Geschäftspapiere.

Das fröhliche und nahrsame Gallmarktstreiben in den Gast- und Tanzhäusern begann am Dienstagabend. Die "Harfenmädchen" und andere Musikkapellen brachten Leben in die Buden. Heute, (15. Oktober 1925), am zweiten Tage, der mehr den Grünbergern gewidmet ist, wird der Gallusmarkt wieder einmal ausklingen. Es leben die folgenden!

(Grünberger Anzeiger)

 
 
Gruenberg
Grünberger Anzeiger
 

 

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