1900

Das Jahr 1900

Im Deutschen Kaiserreich (1871-1918) war der deutsche Nationalstaat eine bundesstaatlich (oder auch gliedstaatlich) organisierte konstitutionelle Monarchie.

Nach langjähriger Beratung in zwei Juristenkommissionen und öffentlichen Debatten trat das BGB zur Zeit des Deutschen Kaiserreiches am 1. Januar 1900 durch Art. 1 des Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuche in Kraft. Es war die erste privatrechtliche systematische Zusammenfassung der Rechtssätze eines Rechtsgebiets, die für das gesamte Reichsgebiet Gültigkeit besaß. Das BGB gilt nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland als Bundesrecht fort.

Der Grünberger Anzeiger meldet am 20. Januar: Das Bürgerliche Gesetzbuch läßt auch Frauen als Trauzeugen zu. Nun können wenigstens auch diejenigen, die keine Hoffnung mehr hegen, selbst unter die Haube zu kommen, den Gang aufs Standesamt antreten.

Der Präsident des landw. Vereins für die Provinz Oberhessen gibt bekannt: Nachdem den Gemeinden und Zuchtvereinen, welche die Simmenthaler Zuchtrichtung verfolgen, Gelegenheit gegeben worden ist, durch den Import Simmenthaler Orginalbullen ihren Bedarf an besserem Zuchtmaterial mit Unterstützung des Provinzialvereins zu decken, wird hiermit auch den Gemeinden, welche die Vogelsberger Zuchtrichtung verfolgen, eine gleiche Vergünstigung geboten.

Das Großherz. Kreisgesundheitsamt Schotten veröffentlicht im Schottener Kreisblatt bezüglich der Gesunds- und Sterblichkeitsverhältnisse unseres Kreises für das verflossene Jahr 1899 statistische Zusammenstellungen, von denen folgende von Interesse sind. Der Gesundheitszustand war im Vergleich zu dem früherer Jahre ein besonders Günstiger. Gefährliche Epidemien wie Plattern, Ruhr usw. traten überhaupt nicht auf. Am ungünstigsten waren die Monate Januar, April, September bis Dezember. Im Januar erkrankten in Laubach und benachbarten Dörfern viele Personen an Influenza. Desweiteren gab es Wasserblattern und später im Jahr Masern, Scharlach und Diphterie.
Die Sterblichkeitsziffer belief sich auf 436 Personen, 7 Personen weniger als im Vorjahr. Von den verstorbenen Personen hatten 142, also nahezu ein drittel, vorher keinen Arzt. 203 hatten das 60. Lebensjahr überschritten, 81 starben an Altersschwäche, 6 verunglückten, 10 endeten durch Selbstmord, worunter 8 durch Erhängen. Die wenigste Sterblichkeitsziffer hatten die Sommermonate Juni - August.

Bei einer im benachbarten Walde zu Lardenbach im Februar abgehaltenen Holzversteigerung kam es zu einer kleinen Keilerei. Unglücklicherweise traf dabei ein hiesiger Bürger einen Steigerer aus Freienseen mit seinem Stockgriffe ins eine Auge. Was half es den Thäter, dass er den mit ihm sonst Befreundeten, dem es gar nicht gegolten hatte, um Verzeihung bat und Schadloshaltung versprach? Der unglücklich Gestroffene mußte nach der Klinik in Gießen verbracht werden, denn mit der Sehkraft des einen Auges ist es vorbei und es steht in Frage, ob das andere nicht in Mitleidenschaft gezogen wird.

Am Dienstag den 20. März d. J. Nachmittags 2 Uhr werden aus dem hiesigen Gemeindewald in Klein-Eichen, Distrikt Küppel, versteigert: 42 Stück Fichten- und Kiefern-Stämme von 18-34 cm Durchmesser, 7-13 Meter Länge = 15,64 Festmeter. Dazu 7 Raummeter Fichten Knüppel und 8 Raummeter Fichten Stöcke.
Großh. Bürgermeisterei Klein-Eichen, Müller.(Bürgermeister)

Im Grünberger Anzeiger erfolgte im März die öffentliche Aufforderung: Folgende verschollene Personen werden aufgefordert, sich bis spätestens in dem Augebotstermin, der auf Dienstag, 16. Oktober 1900 Vormittags 8 Uhr anberaumt wird, zu melden, widrigenfalls sie für tot erklärt werden, nämlich: Elisabethe Hof(f)mann von Klein-Eichen, geb. 22. Mai 1824 (Lardenbacher Str. 1, Haus "Gerbigs-Miele"), vor etwa 54 Jahren nach Amerika ausgewandert - Antragsteller: Pfleger Heinrich Lein von Klein-Eichen. Heinrich Mölcher VII. von Lardenbach, geb. 16. Oktober 1833, im Jahre 1852 nach Amerika ausgewandert - Antragsteller: Pfleger Ferdinand Mölcher von Lardenbach.
Zugleich werden alle, welche Auskunft über Leben oder Tod der Verschollenen zu erteilen vermögen, aufgefordert, spätestens im obengenannten Aufgebotstermin dem unterzeichneten Gericht Anzeige zu machen.
Großherzogliches Amtsgericht Laubach

Am 24. März 1900 bringt der Grünberger Anzeiger die Meldung: Zur Bestreitung der Gemeindebedürfnisse haben folgende Gemeinden des Kreises Schotten folgende Beträge aufzubringen. Die in Klammern beigefügten Zahlen bedeuten den Ausschlag auf eine Mark Steuerkapital. Laubach 26000 Mark (26,151), Freienseen 4040 (11,135), Gonterskirchen 4000 (33,147), Groß-Eichen 6910 (32,354), Solms-Ilsdorf 700 (36,026), Klein-Eichen 1410 (28,012), Lardenbach 1350 (19,130), Ruppertsburg 6000 (21,665), Wetterfeld 3500 (20,985).

Bei der Faselschau (Fasel - zur Weiterzucht bestimmtes junges Haustier) zu Grünberg am 5. April ds. Js. wurden die Fasel folgender Eigenthümer von der Körkommission angekört (Körung ist die Auswahl von geeigneten Tieren für die Zucht): 1) ...; 2) ...; 3) ...; 4) ..; 5) Heinrich Lein, Klein-Eichen: Fasel Simmenthaler Reinzucht, 14 Monate alt, Hellsalb (gut,gut); 6) Heinrich Lein, Klein-Eichen: Fasel Simmenthaler Reinzucht, 14 Monate alt, Hellsalb (ziemlich gut, gut); 7) Heinrich Lein, Klein-Eichen: Fasel Simmenthaler Reinzucht, 17 Monate alt, Falbscheck (gut, gut).
(Heinrich Lein ist der Ur-, Ur-Großvater von Axel Roth.)

Die Körkommission des ersten Körbezirks (Vogelsberger Vieh) wird nachfolgende Körtermine abhalten: Am 21. Mai d. J. in Bobenhausen Vormittags 11 Uhr, in Klein-Eichen Nachmittags 3 Uhr, in Lardenbach Nachmittags 5 Uhr. Anmeldungen zur Körung sind an den Vorsitzenden dieser Kommission, oder dem Geschäftsführer in Laubach, zu richten.

Bei der am 16. Mai zu Schotten stattgefundenen Bezirksthierschau des 1. und 3. Körbezirks erhielten nachverzeichnete Viehbesitzer Preiszuerkennungen für: Vogelsberger Rasse: Große Sammlungen: Zuchtverein Lauter und Zuchtverein Klein-Eichen - Lardenbach; Kühe mit ein und zwei Kälbern: Karl Keil, Lardenbach; Kleine Sammlung: Heinrich Lein, Klein-Eichen; Familien: Heinrich Lein, Klein-Eichen.

Das Gesetz, betreffend die Schlachtvieh- und Fleischbeschau tritt am 3. Juni im Deutschen Reich in Kraft.

Dem Vernehmen nach (Juli 1900) wird im nächsten Sommer ein Theil der Mannschaften des Eisenbahnbataillons in Berlin eine Strecke im Sennthale an der Eisenbahn Laubach-Mücke erbauen. Die Verhandlungen mit der Kgl. Eisenbahndirektion Frankfurt sind mit demselben zum Abschluss gekommen.

An den Sonntagen, den 5. und 12. August, findet ein Preisschießen des Krieger-Vereins Klein-Eichen statt. Zu zahlreichem Besuch ladet ergebenst der Vorstand ein.

Am Sonntag den 23. und Montag den 24. September findet das Kirchweihfest zu Lardenbach statt. Zu dessen Besuch freundlich einladet Johannes Mölcher.

Der in dieser Woche zu Ende gehende Monat September stand unter den Zeichen der Hitze und Trockenheit. Für die Grummeternte war dieses Wetter vortrefflich, noch selten ist sie in gleicher Weise, fast ohne großen Arbeitsaufwand, unter Dach gebracht worden. Auch für die begonnene Kartoffelernte ist das Wetter sehr geeignet, doch erfordert der allzutrockene, spröde gewordene Ackerboden größeren Kraftaufwand, so dass ein leichter Regen wünschenswert erscheint. Dem Obste, insbesondere den Zwetschen sind die heißen Tage besonders zu gute gekommen, der Zuckergehalt ist bedeutend größer als sonst.
Auf die Bäume selbst, besonders auf den Wald, hat die große Trockenheit schädlich gewirkt, schon haben sich die Südhänge gelb gefärbt und das Aussehen gleicht demjenigen von Mitte Oktober. Die Bearbeitung des Bodens läßt ebenfalls das Eintreten eines guten Regens wünschen.

Das Befahren des Stockhäuser Wegs und Bodenwegs in der Gemarkung Lardenbach ist bis zum 1. April nächsten Jahres bei Strafe verboten. Lardenbach, den 20. Oktober 1900, Großh. Bürgermeisterei Lardenbach, Lein (Bürgermeister).

Im Deutschen Reich leben nach dem Ergebnis der durchgeführten Volkszählung zum Stichtag 1. Dezember 56.345.014 Einwohner. In Klein-Eichen sind es zu dieser Zeit etwa 150 Einwohner.

Ein in hiesiger Gegend unbekannter Vogel in der Größe eines Sperlings, mit rothem Schnabel, die Langfedern der Flügel roth und gelb gestreift und gelb getupft, wurde vor etwa 14 Tagen hier in Klein-Eichen aufgefangen und wird in Verwahrung gehalten. Am rechten Bein desselben befindet sich ein Ring. Wem mag der Vogel entflohen sein?

Ein schlechtes Ende nahm für einen jungen Soldaten aus Klein-Eichen, der in Gießen seine Militärpflicht genügt, der zu Ende gehende Weihnachtsurlaub. Kurz vor seiner Rückreise war derselbe damit beschäftigt, sich zum Zwecke des Helmputzens ein Stückchen Holz zuzuspitzen und hieb sich mit dem hierzu benutzten Beil ein Stück des Daumens der linken Hand ab.

(Grünberger Anzeiger)

Fotos

 

 

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